Warum Rhetorikkurse nicht funktionieren

Viele Rhetorikkurse funktionieren nicht, weil sie Probleme zu lösen versuchen, die nachgeordnet sind.

Probleme, die, mögen sie auch bestehen, nicht wirklich relevant sind.

Viele der Themen, die behandelt werden, sind von eher akademischem Interesse und berühren das eigentliche Problem, das die meisten Teilnehmer plagt, nur sehr am Rande.

Das eigentliche, das zentrale Problem der meisten Teilnehmer sind Sprechängste und Redehemmungen.

(Manchem sind schon die Begriffe unangenehm. Drum heißt mein Seminar wohlweislich „Gelassener … reden“)

Solange Sie sich bei einer Rede vor anderen noch unwohl fühlen, haben Sie dieses Problem noch nicht gelöst.

Und die KUNST der Rede zu erlernen wäre verfrüht.

Ich will dies einmal an einem Beispiel erläutern, das Sie vielleicht befremden mag und das sehr plakativ ist.

Es hat mit freier Rede mehr zu tun, als man meint.

Ich gebe seit vielen Jahren (auch) Notwehrseminare für Frauen und Mädchen, in denen die Teilnehmerinnen lernen, wie man in einer Situation, in der es um Leib und Leben geht, sicherstellt, dass der Täter aufhört mit dem, was er tut.

In so genannten „Selbstverteidigungskursen“ wird das Verhalten in solchen Situationen meist von Personen unterrichtet, die aus Kampfkunst oder Kampfsport kommen und die sich dort ihre Kenntnisse erworben haben.

Die Techniken, die vermittelt werden, entstammen in der Regel diesen Kampfsportarten oder -künsten.

(Auf dass wir uns recht verstehen: Ich liebe die Kampfkünste. Sie haben mir viel gegeben. Wundervolle Wege der Persönlichkeitsentwicklung. Aber auch: eben genau das.)

Nun muss man wissen, dass sich die Physiologie des Körpers in einer Situation, in der Angst um das eigene Leben mit im Spiel ist und Adrenalin den Körper durchflutet, sehr verändert.

Manches ist jetzt möglich, was zuvor nicht möglich war, und manches, was sonst immer und eigentlich überall möglich ist, funktioniert nicht mehr.

So ist der Körper in einer solchen Situation zum Beispiel nicht mehr in der Lage, fein- und komplexmotorische Bewegungen auszuführen. Was ihm bleibt, ist die Grobmotorik, die allerdings funktioniert umso besser.

Beinahe alle der Techniken, die in kampfsport- oder kampfkunstbasierten Selbstverteidigungskursen vermittelt werden, sind komplexmotorische Bewegungen, auf die der Körper in einer Notwehrsituation keinen Zugriff mehr hat.

Das, was man gelernt hat (auch wenn man es über Jahre eingeschliffen hat), ist für die Katz.

Die Teilnehmerinnen fühlen sich gerüstet und sind es nicht.

Was hat das mit Rhetorik und freier Rede zu tun?

Die meisten Menschen, so sagen Untersuchungen, fürchten sich vor freier Rede mehr als vor dem Tod.

Das ist entwicklungsgeschichtlich begründbar: Allein auf einer Waldbühne zu stehen und von unzähligen Augen angestarrt zu werden, hat schon dem Urmenschen nicht behagt.

Auch wenn es damals eher wilde Tiere gewesen sein mögen und nicht eine wohlwollende oder kritische Zuhörerschaft.

Auf der Bühne (auf einer der vielen Bühnen dieser Welt) verändert sich des Redners Physiologie und vieles von dem, was vor leeren Stühlen möglich wäre, ist es vor aller Augen urplötzlich nicht mehr.

Es sind Ängste (oder Hemmungen), die jetzt das Verhalten bestimmen.

Und diese Ängste oder Hemmungen gilt es loszulassen.

Zuallererst.

Solange noch Angst mit im Spiel ist – in Rede, Vortrag, Referat, Prüfung, Casting, Präsentation, Meeting, Bewerbungs- oder Verkaufsgespräch oder Pitch – sollte man über die KUNST der Rede noch nicht allzu intensiv nachdenken.

Sind die Ängste losgelassen, dann ja.

Denn dann funktioniert´s.

Redeängste und Sprechhemmungen loszulassen lässt sich in einem Seminar erlernen und auch sehr gut am Telefon.

Nur Mut.

Es ist so leicht.

Anmerkung: Wenn Sie das, was ich über den Körper in Kontexten antisozialer Gewalt gesagt habe, zu Ende denken, dann ahnen Sie vielleicht auch, warum ein Notwehrtraining eine überaus sinnvolle Vorbereitung oder Ergänzung für jeden Kurs in gewaltfreier Kommunikation, für jedes Deeskalationstraining sein könnte.

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