Nie gesehen

Manchmal ist es leichter, die Bewegungsmuster anderer wahrzunehmen als die eigenen.

Das liegt nicht nur daran, dass Sie die anderen ganz anders sehen können als sich selbst.

Ihr Gesicht, Ihren Hinterkopf, Ihren oberen Rücken zum Beispiel haben Sie ohne ein Hilfsmittel noch nie in Ihrem Leben gesehen.

Und werden es niemals tun.

Dass Ihnen bei anderen Dinge auffallen, die Sie bei sich selbst übersehen, liegt auch daran, dass Sie die anderen anders sehen.

Denn auch im Sehen gibt es unbewusste Gewohnheiten, die uns, sind sie einmal etabliert, daran hindern, uns selbst so wahrzunehmen, wie wir sind.

(Dass unsere Wahrnehmung der Welt mit der Welt, wie sie »wirklich« ist, herzlich wenig zu tun hat, will ich hier nur kurz einmal erwähnen. Um es nicht ungesagt zu lassen.)

Ist es Ihnen schon einmal passiert, dass Sie im Spiegel etwas an sich entdeckt haben, das Sie schon viele Male gesehen haben müssen, ohne dass es Ihnen aufgefallen wäre?

Nehmen Sie heute einmal wahr, wie andere Menschen sich bewegen.

Stellen Sie sich immer mal wieder die Frage: Warum bewegt dieser Mensch sich so und nicht anders?

Ist ihm das, was er da tut, bewusst, oder tut er es vielleicht nur, weil er es sich irgendwann einmal angewöhnt hat?

Tut er es mit Absicht und könnte er das, was er da tut, auch … lassen?

Ist das Bewegungsmuster, das Sie entdecken, oder die Muskelspannung, die Sie wahrnehmen, situationsadäquat oder reagiert dieser Mensch auf längst Vergangenes?

Oft sieht man zum Beispiel chronifizierte Reaktionen auf längst schon verheilte Verletzungen, etwa, wenn jemand sich zu einer Seite neigt, weil er sich auf dieser Seite einmal ein Bein oder einen Arm gebrochen hatte.

Oder jemand geht gebückt, weil er einen Stopreflex (die Kontraktion der Beuger auf der Vorderseite des Körpers) als Reaktion auf einen Schreck vor langer Zeit nicht wieder gelöst hat.

Auch die Stirnfalte, die zusammengekniffenen Augen, der verspannte Kiefer sind häufig Folgen unaufgelöster Reflexe aus alter Zeit.

(Wir werden uns mit diesen Reflexen noch intensiv beschäftigen.)

Je mehr Bewegungsmuster Sie bei anderen entdecken können, desto mehr erfahren Sie über sich selbst.

Wenn Sie nicht wissen, wo Sie genügend Menschen finden, die Sie beobachten könnten: Sehen Sie einmal eine halbe Stunde lang fern ohne Ton.

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