Berliner Morgenpost

In der Karriere-Beilage der Berliner Morgenpost ist ein Text von mir zum Thema »Loslassen« erschienen.

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Loslassen statt festhalten

Geschäfte machen heißt Probleme haben und Probleme lösen. Wer keine Probleme mehr hat, ist nicht mehr im Geschäft. Entscheidend in diesem Zusammenhang ist immer wieder, wie Sie auf Probleme reagieren. Und: wo Sie die Lösung vermuten. Stellen Sie sich gewohnheitsmäßig die Frage: Was kann ich tun, um dieses Problem zu lösen? So berechtigt diese Frage zu sein scheint, sinnvoller und zielführender ist häufig eine ganz andere Frage: Was kann oder könnte ich … lassen? Was tue ich bereits, was das Problem hervorruft oder erhält? Was also gilt es loszulassen? Dies können Gedanken sein, Gefühle, Wünsche, Glaubenssätze über die Welt, in der Sie leben, all das, was Ihr Handeln leitet.

Herz statt Verstand

Denken Sie einmal an Ihren unangenehmsten Kunden, Ihren vielleicht unleidlichen Chef oder Ihre Angestellten, die nächste Kaltaquise (wie beängstigend es sein kann, allein schon den Telefonhörer in die Hand zu nehmen), das nächste Bewerbungsgespräch. Und nehmen Sie wahr, was Sie denken, empfinden, sich wünschen. Verzweifelte Gedanken wie: Ich muss diesen Abschluss bei diesem schwierigen Kunden jetzt aber unbedingt machen, koste es, was es wolle, sonst kann ich meine Zielvorgaben unmöglich erreichen. Den ganzen Tag schon jagt ein Misserfolg den anderen. Und das bedrückende Gefühl es nicht zu schaffen.

Und dann stellen Sie sich die Frage: Könnte ich mir gestatten, dieses Gefühl, diesen Gedanken loszulassen? Könnte ich dieses Gefühl, diesen Gedanken willkommen heißen? Oder einfach nur zulassen? Und es ist überhaupt nicht relevant, ob Sie diese Fragen für sich mit Ja oder mit Nein beantworten. Antworten Sie ohne groß darüber nachzudenken und lassen Sie im Moment eher Ihr Herz sprechen als Ihren Verstand. Und dann: Wäre ich bereit dazu, wenn ich es könnte? Und: wann? Und in dem Moment, wo Sie loslassen, sagt der Kunde plötzlich ja. Zu Ihrem großen Erstaunen. Kennen Sie die Erfahrung?

Und wenn Sie wahrnehmen, dass Sie sich mehr Anerkennung wünschten, mehr Kontrolle oder mehr Sicherheit, dann fragen Sie sich: Wäre ich bereit, den Wunsch nach Anerkennung, nach Kontrolle, nach Sicherheit loszulassen? Nur gerade jetzt? Wer wäre ich ohne dieses Gefühl, ohne diesen Gedanken, ohne diesen Wunsch? Wer wäre ich, zum Beispiel, ohne den so oft enttäuschten Wunsch, von meinem Chef rückhaltlose Anerkennung zu erfahren? Ich strenge mich so sehr an und es wird nicht gewürdigt.

Lassen Sie sich Zeit, stellen Sie sich diese Fragen einige Male, und lassen Sie sich überraschen. Sowohl im Coaching face-to-face als auch im Telefoncoaching mache ich immer wieder die Erfahrung, dass Loslassen die Lösung für viele scheinbar unlösbare Probleme ist. Und, für den Klienten häufig überraschend: Es ist kinderleicht. Festhalten und Loslassen. Ein Kinderspiel. Die meisten von uns haben es nur ein wenig verlernt. Und brauchen ein bisschen Übung.

Alexander-Technik

Eine eher körperorientierte Methode, die diesen Ansatz verfolgt, ist die Alexander-Technik. Ende des 19. Jahrhunderts von F. M. Alexander begründet, in Deutschland nicht sehr bekannt, im angelsächsischen Raum aber Wahl- oder Pflichtfach an vielen Hochschulen für Schauspiel, Musik oder Tanz, ist sie ein Weg, überflüssige Spannungen loszulassen, die immer dann entstehen, wenn wir gewohnheitsmäßig und ohne auch nur einmal innezuhalten reagieren. Probieren Sie auch dies einmal aus. Entscheiden Sie sich, wenn Sie gerade sitzen, aufzustehen, und nehmen Sie wahr, wie die bloße Absicht aufzustehen die Spannungsmuster in Ihrem Körper verändert. Und dann lassen Sie die Intention, die Absicht aufzustehen wieder los. Lassen Sie den Wunsch aufzustehen einfach wieder los. Halten Sie inne. Halten Sie heute im Laufe des Tages immer mal wieder inne, bevor die nächste Bewegung beginnt. Und nehmen Sie wahr, wie sich Ihre Bewegungsmuster zu verändern beginnen. Und wie gut es Ihnen tut, ab und zu einmal auf diese Weise loszulassen. Loslassen ist die Lösung für viele Probleme.

Im Rahmen einer wissenschaftlichen Studie wurde eine Gruppe von Außendienstmitarbeitern einer New Yorker Versicherungsgesellschaft im Loslassen geschult und mit einer Gruppe verglichen, die die üblichen Verkaufstechniken vermittelt bekam. Die Gruppe, die hinderliche Gefühle und Gedanken loszulassen lernte, schnitt hochsignifikant um 33 Prozent besser ab als die Kontrollgruppe. Vielleicht bemerkenswerter noch: Die Ergebnisse wurden mit der Zeit immer besser.

Wenn Sie sich jetzt also gewohnheitsmäßig fragen: Und, was könnte ich nun tun?, dann fragen Sie sich doch bitte auch einmal, nur gerade jetzt: Was kann oder könnte ich lassen?

Und lassen Sie sich von der Antwort überraschen.

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